Geschichte des Lagersystems der Nazis

 

GÖRLITZ SPURENSUCHE: Das Lagersystem der Nazis in Görlitz 1933-1945

 

(2022) Görlitz war in der Zeit von 1933-1945 Standort gleich mehrerer Lager, so entstanden Zwangsarbeiterlager, Kriegsgefangenenlager und Lager wie das Aussenlager des KZ Groß-Rosen in Görlitz „Biesnitzer Grund“, dessen Häftlinge jüdischer Herkunft waren.
Ein Spurensuche Projekt lädt ein, eines der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte kennen zu lernen. Das Projekt, gefördert von der Sächsischen Jugendstiftung, soll daran erinnern welchen Anteil, die Menschen und Einrichtungen in Görlitz an Kriegsführung, nationalsozialistischer Unterdrückung und deren Verbrechen – etwa an den jüdischen Bürgern der Stadt – hatten.
Standorte der Lager sollen im Verlauf des Jahres dokumentiert und ihre Geschichte erforscht werden. Projektträger ist der Verein goerlitz21

 

KZ Leschwitz 1933/34 Eines der frühen Konzentrationslager, für Oppsitionelle und politische Gegner. Am 15. Februar 1933 eröffnete das sogenannte Schutzhaftlager KZ Leschwitz. Genutzt von der Görlitzer SA als Ort für ihre Untaten wurden die Räume der ehemaligen Tuchfabrik Josef J. Hossner an der Seidenberger Straße aus. Zuvor hatte die SA ihre Gefangenen in der Innenstadt in der Garage des „Braunen Hauses“, Schützenstraße 6, gefoltert. In Leschwitz waren insgesamt vermutlich 1.200 bis 1.500 Personen inhaftiert, davon über 300 dauerhaft. Es handelte sich dabei hauptsächlich um KPD- und SPD-Angehörige sowie parteilose Gegner des Nationalsozialismus aus der Region um Görlitz. Am 30. August 1933 wurde das provisorische SA-KZ Leschwitz schließlich aufgelöst. Die verbliebenen Gefangenen wurden in andere Lager verlegt.

 

 

Bilder s/w Ratsarchiv Görlitz


Im Zuge der Kriegsvorbereitungen wurde bereits im August 1939 mit der Errichtung eines Übergangslagers (Dulag) im nordöstlichen Teil von Görlitz, auf der Ostseite der Neiße begonnen. Unter ungünstigsten Witterungsverhältnissen erstellten die Gefangenen anfangs aus Holz, später aus Mauerwerk die Lagerbaracken sowie die sonstige Infrastruktur des Stalag VIII A, das Ende Dezember 1939 in Betrieb genommen wurde. 

 

Stalag VIIIA Das in Görlitz-Ost entstandene Stalag wurde mithin als Stalag VIII bezeichnet mit dem angehängten Buchstaben A, da es sich um das erste in diesem Gebiet errichtete Lager dieser Art handelte. Hierher wurden die ersten Gefangenen des Zweiten Weltkriegs verbracht, Soldaten der Polnischen Armee. Die mehr als 8 000 Gefangenen mussten den kalten, regnerischen Herbst und den extrem harten Winter 1939/40 in großen Stoffzelten verbringen. Ende Dezember 1939 wurde das Kriegsgefangenenlager in Görlitz Moys eingerichtet und bis Herbst 1940 weiter ausgebaut. Das Lagergelände des Stammlagers (Stalag) für Mannschaften und Unteroffiziere Stalag VIII A umfasste ca. 30 ha

Man schätzt, dass zwischen 1939 bis 1945 bis zu 120.000 Gefangene verschiedener Nationalitäten durch das Lager gegangen sind. Über 80% der im Lager registrierten Gefangenen waren außerhalb des Lagers in verschiedenen Außenlagern und Arbeitskommandos in der Stadt Görlitz und im Umland untergebracht. Dort mussten sie in allen Bereichen der Wirtschaft, wie beispielsweise in landwirtschaftlichen oder industriellen Betrieben, im Handel und Transportwesen arbeiten.
Die Gefangenen wurde von Mitte Februar bis Mai 1945 bei durchschnittlich -25°C Richtung Westen evakuiert. In den Jahren 1946 -1948 wurden die Baracken des Stalag VIII A demontiert.

Heute ist von den Baracken und dem Lagergelände des Stammlagers wenig geblieben. Die Natur hat sich das Terrain zurück erobert und man hört die Vögel in den Baumwipfeln zwitschern, die eine Inspirationsquelle für Messiaen waren. Es ist der Verdienst von Vielen, dem Andenken an Messiaen und den Inhaftierten des Lagers an diesem Schicksalort heute gerecht werden zu können. Ein Ort ist entstanden am Stadtrand von Zgorzelec, der sich als ein Ort der Begegnung und des Dialogs versteht.

 

Europejskie Centrum Edukacyjno-Kulturalne

Das nach dem französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908-1992) benannte Begegnungszentrum steht auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VIIIa. 

Etwa neun Monate seines kreativen Lebens verbrachte Olivier Messiaen im Kriegsge-fangenenlager in Görlitz-Moys. Hier komponierte er sein OUATUOR POUR LA FIN DU TEMPS, eines der Schlüsselwerke der Musik des 20. Jahr-hunderts. Uraufgeführt am 15. Januar 1941 in der Theaterbaracke des Stammlagers. mehr



Das KZ Aussenlager Biesnitzer Grund in der Görlitzer Süd-Stadt
Das KZ Aussenlager Biesnitzer Grund in der Görlitzer Süd-Stadt

1939 als Lager für Zwangsarbeiter im Biesnitzer Grund in der Görlitzer Südstadt errichtet, werden westliche Kriegsgefangene später Ostarbeiter in der Kriegswirtschaft eingesetzt. In Görlitz befand sich u.a. die Fertigung von Motoren für Flugzeuge und Kriegsschiffe, Pumpen für V-Waffen, optische Geräte und Granaten, sowie Aufbauten für Infanteriefahrzeuge. Ab August 1944 ist das Außenlager Görlitz dem Konzentrationslager Groß-Rosen unterstellt. Wie die Zwangsarbeiter zuvor arbeiteten die Häftlinge in der Waggon- und Maschinenbau Aktiengesellschaft Görlitz (WUMAG). Auch im Reichertlager setzte man Häftlinge zum Arbeiten ein.

KZ Aussenlager Biesnitzer Grund Das Lagergelände wurde durch Stacheldrahtzaun in einen Teil für Frauen und einen für Männer getrennt. Das Lager durchliefen ungefähr 1000 Männer und 500 Frauen. Alle Häftlinge waren jüdischer Herkunft und sie stammten größtenteils aus Polen und Ungarn. Die meisten Männer- und Frauenhäftlinge arbeiteten entweder im Waggonwerk, wo gepanzerte Fahrzeuge produziert wurden oder in der Maschinenbaufabrik AG bei der Produktion von Granaten. Die kleineren Häftlingsgruppen wurden zum Straßenbau, zu Aufräumarbeiten im nahe gelegenen Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A und im Stadtpark eingesetzt. […] Die Sterblichkeit im Lager war sehr hoch. Man schätzt die Gesamtzahl der Toten auf mindestens 470 Personen. Im Februar 1945 begann die Lagerevakuierung. Die Männer wurden zum Ort Rennersdorf geführt, wo ein neues Lager gegründet wurde. Das Schicksal der Frauen bleibt ungeklärt. Nach etwa 3 Wochen der Frontstabilisierung wurde die Rückkehr von Rennersdorf in das Lager in Görlitz angeordnet. Die Häftlinge waren beim Ausbau „Festung Görlitz” beschäftigt. Am 8. Mai 1945 wurde das Lager von der Roten Armee befreit. (Groß-Rosen 2013, Dokumentation des Lagers Groß-Rosen)

 

Zwangsarbeiterlager Klingewalde weitere Details folgen

 

Zwangsarbeiterlager Kraftwerk Berzdorf Unter dem Namen »Kraftwerk Berzdorf« wurde 1943 südlich von Görlitz mit dem Bau eines Hochdruckkraftwerks begonnen, das bis Kriegsende jedoch nicht fertig gestellt wurde. Ein Rohbau ohne Schornsteine, ein Kohlebunker und ein Kühlturm kamen zur Ausführung. Bei dem als „kriegwichtig“ eingestuften Projekt waren mehr als 1000 Kriegsgefangene im Einsatz als Zwangsarbeiter im Dritten Reich.

Das Kraftwerk Berzdorf (später Kraftwerk Hagenwerder) sowie zwei weitere Kraftwerke auf Braunkohlebasis im Lausitzer Revier, neben dem Wernerwerk (Kraftwerk Vogelsang) das Kraftwerk Trattendorf (später 1.Halbwerk des Werk I), wurden ab dem Jahr 1943 im Rahmen des „Zschinitzsch-Programms“ als Einheitskraftwerk erbaut. Der 2. Weltkrieg erforderte immer größere und stärkere Anstrengungen in der Rüstungsproduktion. Diese bedingte wiederum eine höhere Elektro-Energieerzeugung. So ergab sich die Notwendigkeit, bestehende Kraftwerke kapazitätsmäßig zu erweitern und neue zu bauen. Für die Errichtung der Kraftwerke kamen fast ausschließlich Zwangsarbeiter aus naheliegenden Konzentrationslagern oder extra errichteten Arbeitslagern zum Einsatz. In den Kriegsjahren waren Arbeitskräfte für den Aufbau solcher Großobjekte meist aus besetzten Ländern verschleppte Menschen, Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.
Am 12. April 1943 begannen die Arbeiten zur Errichtung des Kraftwerkes Berzdorf. Wegen der herannahenden Front mussten die Arbeiten im Frühjahr 1945 eingestellt werden. Nach dem Krieg entfernte man sämtliche technischen Anlagen aus den Kraftwerken und verbrachte sie als Reparation in die Sowjetunion. Die Kraftwerke Trattendorf und Berzdorf wurden in den fünfziger Jahren neu ausgestattet und wieder in Betrieb genommen.

 

Foto Paul Schulz (1943) Eigentümer SLUB Dresden/Deutsche Fotothek
Foto Paul Schulz (1943) Eigentümer SLUB Dresden/Deutsche Fotothek

Der Verein goerlitz21 begleitet das Projekt. Anmeldung zur Teilnahme, mehr Infos, Anfragen per Mail an spurensuche@goerlitz21.de Hinweis: Für Altersstufen 10-18 Jahre geeignet.


Zukunft braucht Erinnerung

Shlomo Graber, ist Überlebender des Holocaust. Fast seine ganze Familie ist in Auschwitz umgekommen. Er selber und sein Vater überlebten mehrere Konzentrationslager, auch einen Todesmarsch, bevor er 1945 von der roten Armee im Konzentrationslager befreit wurde -  in Görlitz, aus dem Konzentrationslager am Biesnitzer Grund.

Shlomo Grabers „Denn Liebe ist stärker als Hass“ ist nicht nur das Dokument eines der letzten Zeitzeugen des Holocaust und des Görlitzer Todesmarsches, sondern ein Plädoyer für Frieden und Toleranz.

Leseempfehlung: Netzwerk der Erinnerung Biesnitzer Grund www.souveneur.wordpress.com/category/gorlitzzgorzelec/page/2/


Görlitz und Zgorzelec erinnern 2022 gemeinsam an die Opfer des Nationalsozialismus und an das Schicksal der Zehntausenden Häftlinge, Zwangsdeportierten und Todesopfer. Link: www.goerlitz.de


Die Gründung von Görlitz war eng mit der Lage an der Neiße verbunden. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die Görlitzer Oststadt über sieben Brücken mit der restlichen Stadt verbunden. Als 1945 alle Neißebrücken von Görlitz gesprengt wurden, zerriss damit mehr als nur eine Verbindung über den Fluss. mehr


Görlitz Jüdisches Erbe und Vermächtnis

Die Stadt Görlitz verfügte in den Jahren vor 1933 über eine Vielzahl jüdischer Einrichtungen und Geschäfte. Durch die Judenverfolgung der Nationalsozialisten, die schließlich in den Holocaust mündete, wurde dieses jüdische Leben in Görlitz ausgelöscht. mehr

Synagoge Görlitz

Die im Jahre 1911 einge-weihte Synagoge der Görlitzer Jüdischen Gemeinde ist eine der wenigen, die die Pogromnacht 1938 fast unzerstört überstanden hat und erhalten ist.

Die Jüdische Gemeinde in Görlitz gilt seit dem 2. Weltkrieg als ausgelöscht. Verfolgt, vertrieben, oder ermordet in den Jahren 1933-1945, gestalten sich die Schicksale der einstigen jüdischen Bewohner entsprechend wechselvoll.

Der Jüdische Friedhof in der Görlitz Süd-Stadt hat die NS Zeit überdauert, er ist heute ein beeindruckendes Denkmal und Ort der Erinnerungen.


Wir erinnern den Verfolgten und Ermordeten des Naziregimes, der Kriegsopfer, Flüchtlinge und Vertriebenen. Wir erinnern uns daran, was dann siebzig Jahre zurückliegt. Wir müssen uns auch daran erinnern welchen Anteil, die Menschen und Einrichtungen in Görlitz an Kriegsführung, nationalsozialistischer Unterdrückung und deren Verbrechen – etwa an den jüdischen Bürgern der Stadt – hatten. Wir erinnern, weil die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte in Nationalsozialismus und Krieg uns die eigene Verantwortung für die Gestaltung einer menschenwürdigen, demokratischen und friedlichen Gesellschaft zeigt. Wir tun dies in besonderer Weise, um einem möglichen Missbrauch zu begegnen.