Geschichte des Lagersystems der Nazis

 

GÖRLITZ SPURENSUCHE: Das Lagersystem der Nazis in Görlitz 1933-1945

 

(2022) Görlitz war in der Zeit von 1933-1945 Standort gleich mehrerer Lager, so entstanden Zwangsarbeiterlager, Kriegsgefangenenlager und Lager wie das Aussenlager des KZ Groß-Rosen in Görlitz „Biesnitzer Grund“, dessen Häftlinge jüdischer Herkunft waren.
Ein Spurensuche Projekt lädt ein, eines der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte kennen zu lernen. Das Projekt, gefördert von der Sächsischen Jugendstiftung, soll daran erinnern welchen Anteil, die Menschen und Einrichtungen in Görlitz an Kriegsführung, nationalsozialistischer Unterdrückung und deren Verbrechen – etwa an den jüdischen Bürgern der Stadt – hatten.
Standorte der Lager sollen im Verlauf des Jahres dokumentiert und ihre Geschichte erforscht werden. Projektträger ist der Verein goerlitz21

Der Verein goerlitz21 begleitet das Projekt. Anmeldung zur Teilnahme, mehr Infos, Anfragen per Mail an spurensuche@goerlitz21.de Hinweis: Für Altersstufen 10-18 Jahre geeignet.

 

Zukunft braucht Erinnerung. Teilnehmer bei einem Besuch zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Görlitz in der Neuen Synagoge
Zukunft braucht Erinnerung. Teilnehmer bei einem Besuch zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Görlitz in der Neuen Synagoge

Mit ihrer Arbeit haben die Jugendlichen daran erinnert welchen Anteil, die Menschen und Einrichtungen in Görlitz an Kriegsführung, nationalsozialistischer Unterdrückung und deren Verbrechen – etwa an den jüdischen Bürgern der Stadt – hatten. Die Spurensuche in der Görlitzer Geschichte in der Zeit von 1933 bis 1945 hat viele neue Sichtweisen eröffnet für die jugendlichen Teilnehmenden.

Ein Dank geht an Partner und Beteiligte für die Begleitung und Unterstützung des Projektes:  die OS Melanchthonschule Görlitz, AS Innenstadt Görlitz, Förderkreis Synagoge Görlitz e.V., IBZ Tacheles Oberlausitz, Meetingpoint Memory Messiaen e.V., Friedhofsverwaltung Görlitz, Umweltbibliothek Großhennersdorf, Stolpersteine Initiative Görlitz-Zgorzelec, Kulturforum Görlitzer Synagoge und den Bürgerrat Görlitz Südstadt

 

Im Rahmen des Projektes wurden die Ergebnisse der Spurensuche dokumentiert. NS-Lagersysteme:

KZ Leschwitz Eines der frühen Konzentrationslager, für Oppsitionelle und politische Gegner. Am 15. Februar 1933 eröffnete das sogenannte Schutzhaftlager KZ Leschwitz. Genutzt von der Görlitzer SA als Ort für ihre Untaten wurden die Räume der ehemaligen Tuchfabrik Josef J. Hossner an der Seidenberger Straße aus. Zuvor hatte die SA ihre Gefangenen in der Innenstadt in der Garage des „Braunen Hauses“, Schützenstraße 6, gefoltert. In Leschwitz waren insgesamt vermutlich 1.200 bis 1.500 Personen inhaftiert, davon über 300 dauerhaft. Es handelte sich dabei hauptsächlich um KPD- und SPD-Angehörige sowie parteilose Gegner des Nationalsozialismus aus der Region um Görlitz. Am 30. August 1933 wurde das provisorische SA-KZ Leschwitz schließlich aufgelöst. Die verbliebenen Gefangenen wurden in andere Lager verlegt.

 

Eine Aktion gegen jüdische Anwälte und Ärzte sieht deren Inhaftierung im Rathaus Gefängnis

Aufnahme am Postplatz in Görlitz, 29.3.1933. Bestand Ratsarchiv Görlitz
Aufnahme am Postplatz in Görlitz, 29.3.1933. Bestand Ratsarchiv Görlitz

Nach der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 verschlimmerte sich zunehmend auch die Lage für die Görlitzer Jüdinnen und Juden. In der zweiten Märzhälfte wurden in Berlin, Breslau, Chemnitz, Dresden, Frankfurt a. M., Görlitz, Gleiwitz, Leipzig, Münster und Wiesbaden öffentliche Einrichtungen, wie Börse, Amtsgerichte und Universitäten, von SA-Ortsgruppen und SS-Trupps gestürmt und begonnen, Juden systematisch aus dem Berufsleben zu verdrängen. Eine Aktion gegen jüdische Juristen und Ärzte, die Demütigungen und Ausgrenzungen der jüdischen Mitbürger war von der NS-Führung lange geplant. Mit dem zentral organisierten, landesweiten Boykott der am 1. April 1933 folgen sollte, wurde die antijüdische NS-Politik öffentlich zum staatlichen Programm erklärt.
Paul Mühsam der sich 1905 mit einer Anwaltspraxis in Görlitz niedergelassen hatte, notiert zu den Ereignissen am 29. März 1933 in sein Tagebuch: "Am Mittwoch, dem 29.3., vormittags, wurde das Gerichtsgebäude von bewaffneten SA-Formationen besetzt. Von Rechtsanwalt Fritzsche geführt, drangen die Horden in sämtliche Räume, Richterzimmer, Anwaltszimmer und Sitzungssäle ein und nahmen mit dem Ruf: "Juden raus", Gummiknüppel schwingend alle nichtarischen Richter und Anwälte fest, die sich im Gebäude befanden."

Zu den Festgenommenen in Görlitz gehören an diesem Tag neben Paul Mühsam, Dr. Kunz, der Rechtsanwalt Dr. Benno Arnade und der Landgerichtsdirektor Dr. Schwenk. Vor dem Gerichtsgebäude, berichtet Paul Mühsam, stand bereits eine Anzahl weiterer Gefangener, darunter R.A. Max Chronheim und der Zahnarzt Dr. Fritz Warschawski. „Der Zug erfolgte im Gänsemarsch, jeder zwischen 2 bewaffneten S.A. Leuten durch die Stadt zwischen johlenden Menschen hindurch nach dem Rathaus. Dort hatte sich eine besonders große Zahl von Nazis am Eingang versammelt.“ Am Abend des 29. März 1933 erfuhr der 1931 demokratisch gewählte Görlitzer Oberbürgermeister Wilhelm Duhmer auf dem Rückweg von einer Dienstreise aus Berlin, dass Mitglieder der SA in Görlitz jüdische Mitbürger durch die Stadt getrieben und anschließend in den Rathauskeller gesperrt hatten. Der zurückgekehrte Oberbürgermeister ließ sie wieder frei. In der Folgezeit wurde auch er zur politischen Zielscheibe der Nationalsozialisten. Schließlich beantragte er im Dezember 1933 die Versetzung in den Ruhestand.

 

Paul Mühsam war Jurist und Schriftsteller. Er ist der Cousin des von den Nazis ermordeten Schriftstellers Erich Mühsam. Else Levi-Mühsam Ehrenbürgerin der Stadt Görlitz und Tochter von Paul Mühsam, verdanken wir, die Veröffentlichung der Tagebucheinträge und Erinnerungen. Nach dem Tode ihres Vaters, des Schriftstellers Paul Mühsam, im Jahre 1960, sah sie ihre Aufgabe darin, sein 1933 zerstörtes dichterisches Werk wieder in den deutschen Sprachraum zurückzubringen.

 

Dulag Im Zuge der Kriegsvorbereitungen wurde bereits im August 1939 mit der Errichtung eines Übergangslagers (Dulag) im nordöstlichen Teil von Görlitz, auf der Ostseite der Neiße begonnen. Unter ungünstigsten Witterungsverhältnissen erstellten die Gefangenen anfangs aus Holz, später aus Mauerwerk die Lagerbaracken sowie die sonstige Infrastruktur des Stalag VIII A, das Ende Dezember 1939 in Betrieb genommen wurde. 

 



Stalag VIIIA
Das in Görlitz-Ost entstandene Stalag wurde mithin als Stalag VIII bezeichnet mit dem angehängten Buchstaben A, da es sich um das erste in diesem Gebiet errichtete Lager dieser Art handelte. Hierher wurden die ersten Gefangenen des Zweiten Weltkriegs verbracht, Soldaten der Polnischen Armee. Die mehr als 8 000 Gefangenen mussten den kalten, regnerischen Herbst und den extrem harten Winter 1939/40 in großen Stoffzelten verbringen. Ende Dezember 1939 wurde das Kriegsgefangenenlager in Görlitz Moys eingerichtet und bis Herbst 1940 weiter ausgebaut. Das Lagergelände des Stammlagers (Stalag) für Mannschaften und Unteroffiziere Stalag VIII A umfasste ca. 30 ha

Man schätzt, dass zwischen 1939 bis 1945 bis zu 120.000 Gefangene verschiedener Nationalitäten durch das Lager gegangen sind. Über 80% der im Lager registrierten Gefangenen waren außerhalb des Lagers in verschiedenen Außenlagern und Arbeitskommandos in der Stadt Görlitz und im Umland untergebracht. Dort mussten sie in allen Bereichen der Wirtschaft, wie beispielsweise in landwirtschaftlichen oder industriellen Betrieben, im Handel und Transportwesen arbeiten.
Die Gefangenen wurde von Mitte Februar bis Mai 1945 bei durchschnittlich -25°C Richtung Westen evakuiert. In den Jahren 1946 -1948 wurden die Baracken des Stalag VIII A demontiert.

Heute ist von den Baracken und dem Lagergelände des Stammlagers wenig geblieben. Die Natur hat sich das Terrain zurück erobert und man hört die Vögel in den Baumwipfeln zwitschern, die eine Inspirationsquelle für Messiaen waren. Es ist der Verdienst von Vielen, dem Andenken an Messiaen und den Inhaftierten des Lagers an diesem Schicksalort heute gerecht werden zu können. Ein Ort ist entstanden am Stadtrand von Zgorzelec, der sich als ein Ort der Begegnung und des Dialogs versteht.

 

Bilder s/w Ratsarchiv Görlitz

Europejskie Centrum Edukacyjno-Kulturalne

Das nach dem französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908-1992) benannte Begegnungszentrum steht auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VIIIa. 

Etwa neun Monate seines kreativen Lebens verbrachte Olivier Messiaen im Kriegsge-fangenenlager in Görlitz-Moys. Hier komponierte er sein OUATUOR POUR LA FIN DU TEMPS, eines der Schlüsselwerke der Musik des 20. Jahr-hunderts. Uraufgeführt am 15. Januar 1941 in der Theaterbaracke des Stammlagers. mehr



KZ Aussenlager Görlitz - Biesnitzer Grund Am Ort des ehemaligen Lagers im Biesnitzer Grund, erinnert heutzutage wenig an die Schicksale der Inhaftierten. Wo die alte Ziegelei und die Barracken standen, findet sich eine Gartenkolonie und reichlich Laubenpieper. Im Biesnitzer Grund, an der Grenze der Südstadt zu Biesnitz an der Biesnitzer Strasse gelegen, finden sich ein Hartrasenplatz und ein Gedenkstein, der an das Aussenlager erinnert. Im Görlitzer Volksmund kennt man den Ort als KZ Biesnitzer Grund. Das Lager trug die offizielle Bezeichnung KZ Groß-Rosen, Aussenlager Görlitz. An das Schicksal der Häftlinge erinnern die Überreste, die auf dem Jüdischen Friedhof nachträglich Bestattung und eine letzte Ruhe gefunden haben. Bilder: Spurensuche NS-Lagersysteme Görlitz, Aufnahmen entstanden im September 2022

 


1939 als Lager für Zwangsarbeiter im Biesnitzer Grund in der Görlitzer Südstadt errichtet, werden westliche Kriegsgefangene später Ostarbeiter in der Kriegswirtschaft eingesetzt. In Görlitz befand sich u.a. die Fertigung von Motoren für Flugzeuge und Kriegsschiffe, Pumpen für V-Waffen, optische Geräte und Granaten, sowie Aufbauten für Infanteriefahrzeuge. Ab August 1944 ist das Außenlager Görlitz dem Konzentrationslager Groß-Rosen unterstellt. Wie die Zwangsarbeiter zuvor arbeiteten die Häftlinge in der Waggon- und Maschinenbau Aktiengesellschaft Görlitz (WUMAG). Auch im Reichertlager setzte man Häftlinge zum Arbeiten ein.

 

Das KZ Aussenlager Biesnitzer Grund in der Görlitzer Süd-Stadt
Das KZ Aussenlager Biesnitzer Grund in der Görlitzer Süd-Stadt

Das Lagergelände wurde durch Stacheldrahtzaun in einen Teil für Frauen und einen für Männer getrennt. Das Lager durchliefen ungefähr 1000 Männer und 500 Frauen. Alle Häftlinge waren jüdischer Herkunft und sie stammten größtenteils aus Polen und Ungarn. Die meisten Männer- und Frauenhäftlinge arbeiteten entweder im Waggonwerk, wo gepanzerte Fahrzeuge produziert wurden oder in der Maschinenbaufabrik AG bei der Produktion von Granaten. Die kleineren Häftlingsgruppen wurden zum Straßenbau, zu Aufräumarbeiten im nahe gelegenen Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A und im Stadtpark eingesetzt. […] Die Sterblichkeit im Lager war sehr hoch. Man schätzt die Gesamtzahl der Toten auf mindestens 470 Personen. Im Februar 1945 begann die Lagerevakuierung. Die Männer wurden zum Ort Rennersdorf geführt, wo ein neues Lager gegründet wurde. Das Schicksal der Frauen bleibt ungeklärt. Nach etwa 3 Wochen der Frontstabilisierung wurde die Rückkehr von Rennersdorf in das Lager in Görlitz angeordnet. Die Häftlinge waren beim Ausbau „Festung Görlitz” beschäftigt. Am 8. Mai 1945 wurde das Lager von der Roten Armee befreit. (Groß-Rosen 2013, Dokumentation des Lagers Groß-Rosen)

 

Auf dem Jüdischen Friedhof bestattet wurden ca. 327 Todeopfer des KZ Görlitz im Biesnitzer Grund. Die Zahl der Todesopfer liegt vermutlich höher. In den 1950er Jahren wurden die auf dem Städtischen Friedhof Bestatteten und geborgene Überreste von Opfern aus einem Massengrab zur letzten Ruhe gelegt auf der Anlage des Jüdischen Friedhofes.

Die Stelen der Erinnerung, geschaffen vor einigen Jahren auf dem Jüdischen Friedhof in Görlitz, ist den dort bestatteten bekannten Opfern des KZ-Außenlagers Görlitz gewidmet und gibt ihnen ihre Namen zurück. Die Initiative der Stelen geht auf eine Idee von Görlitzer Bürgerinnen zurück. Die Geschichte der Familie Hornung war es im Grunde, die den Anstoß für die Gedenkstätte gab für den aus Görlitz stammende Sven Hüber, der unter anderem den Namen des in Görlitz zu Tode gekommenen KZ-Häftlings Moses Isack Hornung, eines deutschen Juden und Fleischermeisters aus der Stadt Auschwitz und Vater eines befreundeten Holocaust-Überlebenden, darüber wieder sichtbar machen wollte, und dafür eine Initiative verschiedener Akteure bildete.

 

Orte der Zwangsarbeit WUMAG Waggon- und Maschinenbau Aktiengesellschaft, Görlitz
Konstruiert von der Wagen- und Maschinenbau AG Wumag in Görlitz, raste der "Fliegende Hamburger" erstmals 1933 fahrplanmäßig in zwei Stunden von Berlin nach Hamburg. Ein Sensationsrekord des Dieseltriebwagens, der das Ende der Dampflokomotiven einläutete.
Unter Zwangsarbeit dienten Kriegsgefangene der deutschen Rüstungsindustrie. Die meisten Männer- und Frauenhäftlinge aus dem nah gelegen KZ Aussenlager Görlitz im Biesnitzer Grund, arbeiteten entweder im Waggonwerk, wo gepanzerte Fahrzeuge produziert wurden oder in der Maschinenbaufabrik AG bei der Produktion von Granaten.

WUMAG Görlitz, Anzeige Görlitzer Adreßbuch 1923

Orte der Zwangsarbeit Die Tuchfabrik Max Raupach später Tuchfabrik Fritz Herrmann und Co. in Görlitz Moys auf der Winterfeldstraße 31 ist nach einem Großbrand im Juli 2022 nur noch eine Ruine. Kriegsbedingt verlagert, wurden zum Ende des Jahres 1944 auf dem Werkgelände in Moys elektronische Bauteile von Loewe Opta (Berlin) für die Kriegsverwendung in Raketenantrieben und Messerschmitt-Flugzeugen unter Zwangsarbeit gefertigt.

Max Raupach Tuchfabrik Moys später Tuchfabrik Fritz Herrmann und Co; Görlitz Moys Winterfeldstraße 31. Heute ul. Wladyslawa Reymonta, Zgorzelec, Polen. Die Firma wurde am 1. Oktober 1885 vom Tuchkaufmann Max Raupach als Tuch-Engross-Handlung gegründet. Im Jahre 1895 wurden in Moys Spinnerei und Weberei eingerichtet. . Das Unternehmen befasste sich „ausschliesslich mit der Fabrikation feiner und feinster Herren- und Damentuche, sowie Bekleidungstuchen für die Behörden“. Nach dem Tod von Max Raupach 1916, wird Fritz Hermann Eigentümer der Tuchfabrik. Lager und Verkauf waren auf der Elisabethstraße 43 – heute Sitz der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien. Von Fritz Hermann werden hergestellt: Tuche und Futterstoffe, und Schneidereibedarfsartikel. Fritz Hermann war Alleinhersteller der Feintuchmarke „Aar Edel“ und einziger Lieferant der Marke „Adler Ring“.Nach der Grenzziehung befand sich das Werk in Polen, hier wurden nach 1945 bis in die 1960er Jahre noch Tuche auf den alten Maschinen produziert.

 

Orte der Zwangsarbeit Die Färbeapparaturen für Baumwolle der Firma Eduard Esser & Co., Görlitz, stehen heute zuweilen in Museen der Industriekultur / Technikgeschichte. Gefertigt wurden diese auf dem Areal des Unternehmens in der Nachbarschaft der Ephraim Eisenhandelsgesellschaft. Das Unternehmen firmierte unter der Geschäftsadresse Zittauer Straße 52, heute Höhe Schützenhausstrasse. Einen Eintrag hat das gegründete Görlitzer Unternehmen in der Enzyklopädie der Textilchemischen Technologie sicher. Die maschinellen Hilfsmittel der Baumwollfärberei von Eduard Esser, Görlitz gehörten seit Anfang der 1930er zu den Branchengrössen für die Herstellung von Färbeapparaten für Baumwolle und Glas. Eine Tonspur ist im Rahmen des Spurensuche-Projekts entstanden und dokumentiert die Erinnerungen, die uns die Tochter des Geschäftsinhabers geteilt hat. Das Unternehmen beschäftigte Ostarbeiter, die Familiengeschichte sieht nach Ende des 2. Weltkrieges die Enteignung, einen Neuanfang.

Zwangsarbeiterlager Klingewalde Zwangsarbeiter kamen zum Einsatz in der Stadteigenen Ziegelei. weitere Details folgen

 

Zwangsarbeiterlager Kraftwerk Berzdorf Unter dem Namen »Kraftwerk Berzdorf« wurde 1943 südlich von Görlitz mit dem Bau eines Hochdruckkraftwerks begonnen, das bis Kriegsende jedoch nicht fertig gestellt wurde. Ein Rohbau ohne Schornsteine, ein Kohlebunker und ein Kühlturm kamen zur Ausführung. Bei dem als „kriegwichtig“ eingestuften Projekt waren mehr als 1000 Kriegsgefangene im Einsatz als Zwangsarbeiter im Dritten Reich.

Das Kraftwerk Berzdorf (später Kraftwerk Hagenwerder) sowie zwei weitere Kraftwerke auf Braunkohlebasis im Lausitzer Revier, neben dem Wernerwerk (Kraftwerk Vogelsang) das Kraftwerk Trattendorf (später 1.Halbwerk des Werk I), wurden ab dem Jahr 1943 im Rahmen des „Zschinitzsch-Programms“ als Einheitskraftwerk erbaut. Der 2. Weltkrieg erforderte immer größere und stärkere Anstrengungen in der Rüstungsproduktion. Diese bedingte wiederum eine höhere Elektro-Energieerzeugung. So ergab sich die Notwendigkeit, bestehende Kraftwerke kapazitätsmäßig zu erweitern und neue zu bauen. Für die Errichtung der Kraftwerke kamen fast ausschließlich Zwangsarbeiter aus naheliegenden Konzentrationslagern oder extra errichteten Arbeitslagern zum Einsatz. In den Kriegsjahren waren Arbeitskräfte für den Aufbau solcher Großobjekte meist aus besetzten Ländern verschleppte Menschen, Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.
Am 12. April 1943 begannen die Arbeiten zur Errichtung des Kraftwerkes Berzdorf. Wegen der herannahenden Front mussten die Arbeiten im Frühjahr 1945 eingestellt werden. Nach dem Krieg entfernte man sämtliche technischen Anlagen aus den Kraftwerken und verbrachte sie als Reparation in die Sowjetunion. Die Kraftwerke Trattendorf und Berzdorf wurden in den fünfziger Jahren neu ausgestattet und wieder in Betrieb genommen.

 

Foto Paul Schulz (1943) Eigentümer SLUB Dresden/Deutsche Fotothek
Foto Paul Schulz (1943) Eigentümer SLUB Dresden/Deutsche Fotothek

Arbeitslager Tormersdorf b. Rothenburg
Das Schicksal Görlitzer jüdischer Familien ist mit dem Ort verbunden. Etwa 700 Jüdinnen und Juden aus Breslau, Görlitz, Glogau, Liegnitz und den umliegenden Orten wurden ab Juli 1941 hierher deportiert.  Juden in Tormersdorf wurden zur Zwangsarbeit in verschiedenen Betrieben der Umgebung oder zu „Kriegsarbeiten“ wie Straßenbau und Zwangsarbeit in der Landwirtschaft eingesetzt.

26 jüdische Häftlinge starben in Tormersdorf.

Eine von ihnen war Amanda Hannes, für die in Görlitz ein Stolperstein verlegt wurde. Unter den Opfern die in Tormersdorf den Tod fanden, waren auch Dr. Erich Oppenheimer und seine Frau Charlotte. Auf der Liste der Deportierten waren neben den Familien Fischer und Schaye, Paul und Jenny Boehm und Eugen Bass  – für die in Görlitz Stolpersteine verlegt wurden – und viele weitere Namen von Görlitzer Juden. Tormersdorf diente als Durchgangslager, das letzte Ziel der Inhaftierten sollten das KZ Theresienstadt und die Vernichtungslager im Osten werden.
1995 wurde ein Ge-Denkort eingeweiht an der Stelle wo auf dem Gelände ein Gebäude als Behelfs-Synagoge eingerichtet war. Der Besuch von Nachfahren Görlitzer Jüdinnen und Juden fand im November 2021 statt, Anlass gab die Jüdische Gedenkwoche Görlitz. Foto (c) Matthias Wehnert

 

Mit zwei Stolpersteinen vor dem Haus Jakobstraße 3 wurde 2007 an das Schicksal von Dr. Erich  und seine Frau Charlotte Oppenheimer erinnert, der Stolperstein für ihren Sohn Werner wurde 2012 gesetzt. Gemeinsam mit seiner Frau, Charlotte Oppenheimer und Sohn Werner, wurde Erich Oppenheimer als Krankenbehandler in das Zwangsarbeiterlager Tormersdorf b. Rothenburg / Ol. gebracht, in welchem die Görlitzer und Breslauer Juden gesammelt wurden, um von dort nach Auschwitz, Theresienstadt und in andere Konzentrationslager depotiert zu werden. Wohl ahnend, was ihnen bvorstand, wählten seine Frau und er vor ihrem Abtransport den Freitod.
Die Aufnahmen entstanden auf der Stolpersteine-Tour, die die Teilnehmenden vertraut machte mit den in Görlitz und Zgorzelec verlegten Stolpersteinen in Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Link Stolpersteine Görlitz-Zgorzelec www.stolpersteine-goerlitz.de

 

Am 27. und 28. Oktober 2022 finden zum 18. Mal als Höhepunkt des Programms die jährlich ausgerichteten Sächsischen Jugendgeschichtstage im Sächsischen Landtag statt. Eingeladen von der Sächsischen Jugendstiftung in Kooperation mit dem Sächsischen Landtag unter der Schirmherrschaft des Landtagspräsidenten, präsentieren sich die Spurensuche-Projekte in Dresden im Sächsischen Landtag.


Zukunft braucht Erinnerung

Shlomo Graber, ist Überlebender des Holocaust. Fast seine ganze Familie ist in Auschwitz umgekommen. Er selber und sein Vater überlebten mehrere Konzentrationslager, auch einen Todesmarsch, bevor er 1945 von der roten Armee im Konzentrationslager befreit wurde -  in Görlitz, aus dem Konzentrationslager am Biesnitzer Grund.

Shlomo Grabers „Denn Liebe ist stärker als Hass“ ist nicht nur das Dokument eines der letzten Zeitzeugen des Holocaust und des Görlitzer Todesmarsches, sondern ein Plädoyer für Frieden und Toleranz.

Leseempfehlung: Netzwerk der Erinnerung Biesnitzer Grund www.souveneur.wordpress.com/category/gorlitzzgorzelec/page/2/


Görlitz und Zgorzelec erinnern 2022 gemeinsam an die Opfer des Nationalsozialismus und an das Schicksal der Zehntausenden Häftlinge, Zwangsdeportierten und Todesopfer. Link: www.goerlitz.de


Die Gründung von Görlitz war eng mit der Lage an der Neiße verbunden. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die Görlitzer Oststadt über sieben Brücken mit der restlichen Stadt verbunden. Als 1945 alle Neißebrücken von Görlitz gesprengt wurden, zerriss damit mehr als nur eine Verbindung über den Fluss. mehr


Görlitz Jüdisches Erbe und Vermächtnis

Die Stadt Görlitz verfügte in den Jahren vor 1933 über eine Vielzahl jüdischer Einrichtungen und Geschäfte. Durch die Judenverfolgung der Nationalsozialisten, die schließlich in den Holocaust mündete, wurde dieses jüdische Leben in Görlitz ausgelöscht. mehr

Synagoge Görlitz

Die im Jahre 1911 einge-weihte Synagoge der Görlitzer Jüdischen Gemeinde ist eine der wenigen, die die Pogromnacht 1938 fast unzerstört überstanden hat und erhalten ist.

Die Jüdische Gemeinde in Görlitz gilt seit dem 2. Weltkrieg als ausgelöscht. Verfolgt, vertrieben, oder ermordet in den Jahren 1933-1945, gestalten sich die Schicksale der einstigen jüdischen Bewohner entsprechend wechselvoll.

Der Jüdische Friedhof in der Görlitz Süd-Stadt hat die NS Zeit überdauert, er ist heute ein beeindruckendes Denkmal und Ort der Erinnerungen.


Wir erinnern den Verfolgten und Ermordeten des Naziregimes, der Kriegsopfer, Flüchtlinge und Vertriebenen. Wir erinnern uns daran, was dann siebzig Jahre zurückliegt. Wir müssen uns auch daran erinnern welchen Anteil, die Menschen und Einrichtungen in Görlitz an Kriegsführung, nationalsozialistischer Unterdrückung und deren Verbrechen – etwa an den jüdischen Bürgern der Stadt – hatten. Wir erinnern, weil die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte in Nationalsozialismus und Krieg uns die eigene Verantwortung für die Gestaltung einer menschenwürdigen, demokratischen und friedlichen Gesellschaft zeigt. Wir tun dies in besonderer Weise, um einem möglichen Missbrauch zu begegnen.