Manche Orte sind verfallen oder nicht mehr bewohnt, haben aber trotzdem eine spannende Geschichte zu erzählen

Raupach Maschinenfabrik in der Görlitzer Süd-Stadt, auch bekannt als KEMA. Aufnahme 2014

Die "Görlitzer Gründerzeit" ist Synonym in der Neißestadt für den wirtschaftlichen Aufschwung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie auch die bauliche Erweiterung von gründerzeitlichen Quartieren die bis heute in ihrem Grundbestand erhalten geblieben sind. Mit der Beschäftigung über das Wirken von Menschen will das Projekt zurückführen in das Leben in den Strassen von Görlitz im Wandel der Zeiten. Längst vergessene Orte und zum Teil vergessene Biografien ausfindig machend. Innerhalb der Zeitensprünge-Programme können sich Jugendliche mit den historischen Ereignissen ihrer unmittelbaren Umgebung auseinander setzen und dabei ein Gespür für ihre Heimat entwickeln. Jungen Menschen wird somit die Möglichkeit eröffnet, Geschichte konkret und real für sich selbst und andere erfahrbar zu machen. Vom Erfindergeist der Pioniere der Gründerzeit und den Vorzügen des Lebens in den Gründerzeitquartieren von Görlitz profitieren Stadt und Einwohner bis heute. Ein Projekt geht auf Spurensuche nach Persönlichkeiten, stellt exemplarisch Vertreter verschiedener Epochen vor.

PIONIERE DER GRÜNDERZEIT

In einer kleinen gemieteten Werkstatt in einem Hinterhof auf der Leipziger Strasse in Görlitz begann Richard Raupach im Alter von 27 Jahren sich ein eigenes Unternehmen aufzubauen. 1884 wird der Grundstein für das Fabrikgelände in der Süd-Stadt auf der Zittauer Straße gelegt.

Als besondere Spezialität, verlegte Richard Raupach sich auf die Verbesserung des Wirkungsgrades bestehender Dampfmaschinenanlagen. Um die Jahrhundertwende widmete sich Raupach der Entwicklung von Maschinen für die Tonindustrie. Zur Versorgung seiner Belegschaft gründete Raupach eine Stiftung mit der Bestimmung, dass deren Erträge zur Unterstützung seiner langjährigen Angestellten und Arbeiter sowie deren Witwen und Waisen dienen sollte. Richard Raupach stirbt Ende 1921 bei einem Autounfall. Die Söhne Walter und Gerhard und die Tochter Sophie verh. Möllhausen übernehmen den gesamten Besitz, die Söhne die Führung des Familienunternehmens.

Dampfmaschinen und keramische Maschinen Aushängeschild der Raupach Maschinenfabrik


Die Festschrift 50 Jahre Raupach Maschinenfabrik von 1928 illustriert das Werden des Görlitzer Industriepioniers. Das Dachziegel-Archiv pflegt das Erbe von Richard Raupach. Interessante Hintergründe und biografische Angaben die in Vergessenheit geraten sind, hat das Archiv online gestellt. Link

1948 wird der gesamte Firmenbesitz entschädigungslos enteignet, und die Firma wird in den Volkseigenen Betrieb "VEB Kema" umgewandelt. Die Produktion kann an alte Erfolge am Standort in der Süd-Stadt anknüpfen. Nach Übernahme des Betriebes in privatwirtschaftliches Management, sind die alten Hallenanlagen heute verwaist. Die BMS-KEMA nutzt heute die in DDR Zeit entstanden Grossbauhallen. Aktuell werden für neue Nutzungen Pläne geschmiedet.

Auf Grund des großen Erfolges der Entwicklung von Maschinen für die Tonindustrie entstand 1908/09 ein Zweigwerk der Görlitzer Maschinenfabrik in Warnsdorf. Das Kerngeschäft lag in der Herstellung von Antriebs- und Anlagen für die keramische Industrie und verwandten Branchen, einschließlich aller Hilfsmaschinen, Werkzeuge und Ersatzteile. Durch die Wirren des 1. Weltkrieges und die Weltwirtschaftskrise können sich die Raupachs behaupten. Der 2. Weltkrieg verändert alles.

Das Raupachwerk im heute tschechischen Varnsdorf nimmt sich klein auf dem TOS Areal

Am Ende des Krieges liegen Teile des Unternehmens in Warnsdorf zerstört, die Machinen sind Teil der Kriegsbeute. Die Wiederaufnahme der Produktion  erfolgt durch Beschluss in Prag im Jahr 1947. Staatliche Stellen erkennen schnell den Fachkräftemangel, der in Folge von Krieg und Vertreibung. Noch unter dem Namen der früheren Eigentümer firmierend, erfolgt 1949 die Tilgung des Firmennamens und die endgültig Übernahme in staatliche Verwaltung.

Eine Görlitzer Firmengeschichte die alle Höhen und Tiefen kennt

1875 Gründung der Maschinenfabrik durch Richard Raupach. Sein Motto "Wer nicht wagt, gewinnt nicht". Er etabliert sich in einem Hinterhaus (vier Zimmer und ein freier Raum, früher Pferdestall) mit zwei aus der Konkursmasse der ehemaligen Maschinenfabrik Sorau gekauften Drehbänken, einer neuen Hobelmaschine und einer Lokomobile (deren Kosten: 600 Mark). Sein Schulfreund, Ingenieur Roscher, wird als Konstrukteur eingestellt. Raupach befaßt sich anfangs insbesondere mit Umbau und Reparatur von Dampfmaschinen  
1884 Bau eines neuen Werks an der Zittauer Straße in der Görlitzer Süd-Stadt
1909 Der älteste Sohn Richard Raupachs, Walter, wird nach mehrjähriger praktischer Tätigkeit und dem Ingenieurstudium zum Geschäftsführer ernannt.

Auf Grund des großen Erfolges der Entwicklung von Maschinen für die Tonindustrie.

entsteht 1908/09 das Zweigwerk in Warnsdorf.

1921 Der Firmengründer stirbt Ende 1921 bei einem Autounfall. Die Söhne Walter und Gerhard und die Tochter Sophie verh. Möllhausen übernehmen den gesamten Besitz, die Söhne die Führung des Familienunternehmens.

 Demontage der Firma nach der Eroberung von Görlitz durch die Rote Armee

1945 Die noch 180 Mann starke Belegschaft muß die gesamte Fabrik (einschl. der technischen Zeichnungen und Modelle) völlig ausräumen. Die Brüder Raupach kommen in Haft. Organisiert durch den NS Staat wurden in den Raupach-Hallen Munition und Geschützaufbauten gefertigt.
1948 Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland stellt die Firma der sächsischen Landesregierung zur Verfügung, unter dem Befehl Nr. 64. Die Landesregierung enteignet den gesamten Firmenbesitz entschädigungslos, und die Firma wird in den Volkseigenen Betrieb "VEB Kema" umgewandelt. Der Verbleib und das Wohlergehen der Raupach-Brüder ist jahrelang unbekannt. Walther und sein Bruder Gerhard sterben in der Haft. Die genauen Umstände werden erst Jahrzehnte später bekannt.

 

 

Mattke und Sydow – Kakao-, Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik

Aus bescheidenen Anfängen im Gründungsjahr 1894 entwickelte sich das Unternehmen zu achtungsgebietender Höhe, was sichtbaren Ausdruck in dem umfangreichen Fabrikgebäude findet, das Zeugnis von der Leistungsfähigkeit dieser Firma ablegt. In technische Beziehung war die Süsswarenfabrik auf das Modernste eingerichtet. Nach Stillegung der Produktion ist die Anlage heute eine moderne Seniorenwohnanlage der Volkssolidarität. Manch Görlitzer wird sich erinnern an die Westprodukte die aus der Süd-Stadt den Weg Richtung Westen genommen hat. mehr

Der Anschluss an die sächsische Staatsbahn und insbesondere die direkte Verbindung nach Berlin ließen Görlitz im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt und Industriezentrum des Kaiserreiches und der preußischen Provinz Niederschlesien werden

Angezogen durch niedrige Steuern und Bodenpreise, ausgedehnte Parkanlagen, die Görlitzer Heide östlich der Neiße sowie die Lage vor den Toren des Riesengebirges, ließen sich ab den 1850er Jahren zunehmend auch Pensionäre und Rentiers in Görlitz nieder. Görlitz galt aufgrund seiner Gegebenheiten als "Pensionopolis des deutschen Ostens“. Neben dem Bau der schlesischen Gebirgsbahn (1864) erfolgte 1867 die direkte Verbindung über Cottbus nach Berlin und in südlicher Richtung der Anschluss an Zittau (1875). Die weitsichtige Verkehrserschließung führte seit den 1880er Jahren zu einem deutlichen Anstieg der Bevölkerungszahlen.

 

Görlitz wächst zu einem wichtigen Industriestandort für Streichgarnspinnerei, Fabriken für Tuchwaren, Wollwaren, Halbwollwaren, Baumwollwaren, Leinenwaren, Orleanswaren, Glaswaren, Porzellan, Schamotte, Marmorwaren, Parkettwaren, Spielwaren, Holzstoffwaren, Lederwaren, Seife, Posamenten, Knöpfe, Stahlwaren, Blumenwaren, Eisenbahnwagen, Spiritus, Preßhefen, Stärkezucker, Tabak und Zigarren; Eisengießereien und Maschinenfabriken, Elfenbeinschnitzerei, Holzschnitzerei, Dampfsägemühlen, Furnierschneidereien, Müllerei, Bierbrauerei.

Der Name Arnade ist in Görlitz bleibend mit der Kofferfabrik verbunden. Ihre Wurzeln reichen bis 1872 zurück. Damals gründet der erst 28-Jährige Firmengründer Julius Arnade eine Lederzeug- und Kofferfabrik. Zehn Mitarbeiter sind es, die bis zu einem Brand 1876 auf der Peterstraße in der Altstadt produzieren. Das Unglück nutzt Julius Arnade, um in Moys das Unternehmen neu und größer aufzubauen. Der Aufschwung der Gründerjahre und die zunehmenden Möglichkeiten zum Reisen begünstigen sein Geschäft. Koffer aller Art, Reise- und Schultaschen, Rucksäcke – Arnades Produktpalette wird immer umfangreicher, die Belegschaft zählt in den besten Zeiten 300 Mitarbeiter. Der wirtschaftliche Erfolg geht einher mit gesellschaftlicher Anerkennung. Julius Arnade zieht in die Stadtverordnetenversammlung ein, wird zum Königlichen Kommerzienrat ernannt, engagiert sich im Bismarcksäulenkomitee für die Landeskrone. Als er am 15. Juni 1915 stirbt, bettet ihn die Familie auf den Städtischen Friedhof. Dort ist noch heute sein Grab zu finden, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Waggonbau-Gründer Christoph Lüders, dem Hefefabrikanten Guido Hagspihl und Oberbürgermeister Clemens Reichert.

 


In Görlitz erinnern seit dem Jahr 2014 zwei Stolpersteine an Paul und Margarete Arnade. Ihr Leben endete in Theresienstadt und Auschwitz. Das Naziregime verfolgte die Arnades bis in den Tod. Paul, Margarete und Werner Arnade wurden Opfer des Holocaust. Görlitz gedenkt den Opfern heute mit 18 Stolpersteinen die an das jüdische Erbe erinnern. Die Schicksale der Görlitzer Juden sind Inhalt zahlreicher Veranstaltungen die das Leben und die Leidenswege der jüdischen Mitbürger wach halten sucht.

Die Stadt Görlitz verfügte in den Jahren vor 1933 über eine Vielzahl jüdischer Einrichtungen und Geschäfte. Durch die Judenverfolgung der Nationalsozialisten, die schließlich in den Holocaust mündete, wurde dieses jüdische Leben in Görlitz ausgelöscht. Ein Zeitensprung-Projekt hat 2006 die Erinnerungen von Überlebenden und Zeitzeugen auf Tonband aufgenommen und die Ereignisse der Verfolgung der Juden in Görlitz festgehalten mehr

Optisch-Mechanische-Industrie-Anstalt Hugo Meyer & Co. | Görlitz Süd-Stadt
Optisch-Mechanische-Industrie-Anstalt Hugo Meyer & Co. | Görlitz Süd-Stadt

Görlitz galt vor 100 Jahren eine der bedeutendsten Standorte der sich entwickelnden Fotoindustrie. Es waren vielfach Pioniere der Optischen Industrie Paul Dittrich & Co. | Koppe & Moh | Max Hecht | Curt Bentzin | Ernst Herbst & Firl | Oscar Simon | Mlitz & Kügler | Gaertig & Thiemann | Gebr. Herbst | Kügler & Co. | Optisch-Mechanische-Industrie-Anstalt Hugo Meyer & Co. | Kamera-Werke Plamos Aktiengesellschaft | Krecker & Ehrentraut | Heinrich Eberlein | Alfred Lange | Paul Strobach | Secco-Film-Gesellschaft Dr.Adolf Hesekiel, Moh & Co. | Theodor Soennecken & JohannRiedl | Schulze & Billerbeck | Görlitzer Camera-Industrie Gustav Kügler & Co. | Görlitzer Camera-Werke Paul Quill | Richard Thiel | Robert Reinsch - Neue Görlitzer Camera-Werke die den Ausgangspunkt gaben für die Industrieproduktion nach dem Krieg. Die VEB Neue Görlitzer Kamerawerke  und VEB Feinoptisches Werk Görlitz waren die letzten Zeugen der einst grossen Fotoindustrie in Görlitz.

LOST PLACES | VERGESSENE ORTE GÖRLITZ

Es sind vergessene Orte sog. 'Lost Places' die ein Projekt in Görlitz ins Bild setzt. In Hinterhöfen in der Innenstadt versteckt, zugewachsen, oftmals ungenutzt, finden sich Industrieanlagen die von der Betriebsamkeit vergangener Jahrzehnte künden.

Ein Stück Görlitzer Textilgeschichte

VEB Bekleidungswerk "Steppke" Görlitz

Modische Kinderbekleidung in Ostzeiten fertigten die Werktätigen des VEB Bekleidungswerk "Steppke" in Görlitz. Die Arbeit der mehrheitlich Frauengeprägten Belegschaft konzentrierte sich auf beste Qualität und modisch-aktuelle Gestaltung. In der Innenstadt, auf der Salomonbstrasse, Berliner Strasse, In der Süd-Stadt auf der Biesnitzer Strasse und Lutherstrasse, und mit der Lehrlingsausbildung am Demianiplatz, beschäftige die Bekleidungsindustrie einige Tausende Werktätige zu DDR Zeit. Über weite Teile der Stadt verstreut, wurden Fäden gesponnen.

[Adressbuch Stadt Görlitz 1912/13]

Nahme & Weiske, Görlitzer Smyrnateppichfabrik, Salomonstr. Inh. Adolf Nahme

Die Firma Nahme & Weiske dehnte sich über mehrere Strassenzüge der Innenstadt. Knüpferei und Kontor Salomonstr. 10/12 (H), Knüpferei Berliner Str. 57 (H) und Weberei auf der Salomonstr. 30/31 Hinterhof.

1951 wird das Steppke Bekleidungswerk aus der Görlitzer Teppichfabrik Nahme & Weiske gegründet und das Eigentum verstaatlicht. Das ehemalige Bekleidungswerk in der Salomonstrasse 30/31 in Görlitz befindet sich nach Rückübertragung des Eigentums im Zuge der Restituierung von Altansprüchen im Besitz der einstigen Unternehmerfamilie Nahme. mehr

Reklame Steppke Schulbekleidung von 1956
Reklame Steppke Schulbekleidung von 1956

LOST PLACES | VERGESSENE ORTE GÖRLITZ ist ein Projekt von goerlitz21 e.V. und dem Kulturbüro Görlitz ©2014